„Wir amüsieren uns zu Tode“ und werden weniger belastbar
Stressquellen in unserer Gesellschaft
„Wir amüsieren uns zu Tode“ (Autor: Neil Postman) - das Ende der Aufmerksamkeit, Konzentration und Focus.
Statt uns Menschen beizubringen, uns ernsthaft mit relevanten Themen unseren Gesellschaft auseinandersetzen, werden wir einschließlich unserer Kinder mit Unterhaltung verführt. Das Unterhalten (”Untenhalten”) lenkt uns ab.
Unser Ego mag Lustgewinn und vermeidet Unlust. Es ist viel einfacher sich unterhalten zu lassen und es kostet Mühe sich mit etwas kritischer und bewusster auseinanderzusetzen. Aus der Gehirnforschung weiß man, das Bilder und Videos weniger bis gar nicht reflektiert ins Bewusstsein gehen.
Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen tatsächlich erlebten und gesehener Fiktion. Texte dagegen gehen vorher über die Kognition und werden noch mal mit dem Erlernten logisch abgeglichen.
Wenn uns beim Horrorfilm der Nervenkitzel entzückt, schütten diese Szenen die gleichen Hormone aus, wie wenn wir es in Echt erleben, wenn auch nicht in gleicher Konzentration. Aber unterschwellig macht es was mit uns. 70% unseres Verhaltens basiert auf soziales Lernen und Beobachtung. Du bist, was du isst, gilt nicht nur für die Ernährung sondern ebenso für den Medienkonsum.
Die Sozialen Medien haben die Situation verschärft. Doomscrolling (zwanghaftes oder schwer kontrollierbare Weiterlesen und Weiterwischen von Nachrichten oder Inhalten ) verändert unser Gehirn.
Wir verlernen, uns zu Fokussieren und längere Zeit und Mühen aufzuwenden, um ein Ziel zu erreichen.
Was passiert da im Gehirn?
Beim Doomscrolling wirken mehrere Mechanismen gleichzeitig:
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Variable Belohnung
Du weißt nie, was als Nächstes kommt. Zwischen vielen gewöhnlichen Beiträgen erscheint manchmal etwas Überraschendes oder besonders Interessantes. Dieses unvorhersehbare Belohnungsmuster hält Menschen besonders lange bei der Sache – ähnlich wie bei Spielautomaten. Hier entsteht die Sucht.
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Negativitätsbias
Negative Nachrichten ziehen unsere Aufmerksamkeit stärker an als positive, weil unser Gehirn evolutionär darauf ausgelegt ist, potenzielle Gefahren ernst zu nehmen.
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Dopamin und Neugier
Jeder neue Beitrag könnte relevante Informationen enthalten. Diese Erwartung kann das dopaminerge System aktivieren und dazu führen, dass man weiterscrollt – nicht unbedingt, weil der Inhalt angenehm ist, sondern weil das Gehirn nach der nächsten potenziell wichtigen Information sucht.
Was ist Dopamin?
Dopamin ist kein „Glückshormon“, das nur am Ziel ausgeschüttet wird, sondern eher ein Motivations- und Lernsignal im Gehirn. Es zeigt dir: „Das lohnt sich – mach weiter.“
Warum fühlt sich Scrollen oft "leichter" an als eine anspruchsvolle Aufgabe?
Hier der entscheidende Punkt:
Eine selbstgewählte Aufgabe – etwa ein Kapitel lesen, etwas reparieren oder Sport – erfordert zunächst Anstrengung. Die Belohnung kommt oft erst später.
Beim Scrollen hingegen erhältst du ständig neue Reize, ohne viel kognitive Arbeit investieren zu müssen. Das Gehirn bekommt fortlaufend:
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Neuigkeit,
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Überraschung,
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soziale Informationen,
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emotionale Reize.
… und ist damit Dopaminquelle in kleinen Dosen, die nie aufhören – außer, wir stoppen uns selbst.
Dadurch wirkt Scrollen kurzfristig attraktiver als eine Tätigkeit, deren Erfolg erst nach längerer Konzentration eintritt.
Der Haken
Die Belohnung durch Doomscrolling ist meist oberflächlich und kurzlebig. Viele Menschen merken nach 30 oder 60 Minuten, dass sie sich eher erschöpft oder unruhig fühlen.
Im Gegensatz dazu erzeugen anspruchsvollere Tätigkeiten oft eine verzögerte, aber nachhaltigere Zufriedenheit. Wenn du eine schwierige Aufgabe abschließt, etwas lernst oder ein Ziel erreichst, entsteht häufig ein tieferes Gefühl von Kompetenz und Erfüllung.
Deshalb beschreiben manche Psychologen den Unterschied so:
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Schnelle Belohnung: geringer Aufwand, sofortiger Reiz, oft wenig nachhaltige Zufriedenheit.
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Verzögerte Belohnung: höherer Aufwand, aber häufig größere und länger anhaltende Zufriedenheit.
Hinweis und Folgen
Der Begriff „Dopamin-Detox“, der im Internet oft auftaucht, ist allerdings wissenschaftlich irreführend. Das Problem ist nicht, dass das Gehirn „zu viel Dopamin“ produziert, sondern dass digitale Umgebungen sehr geschickt unsere Aufmerksamkeit und unser Belohnungslernen ausnutzen. Dadurch fällt es schwerer, sich auf Tätigkeiten einzulassen, deren Belohnung erst später eintritt.
Wir verlieren dabei auch Lebenszeit, um in unserem Privatleben wertekongruenten Dingen nachzugehen, die unsere Bedürfnisse besser befriedigen.
Damit verlieren wir auch wichtige Eigenschaften wie Resilienz / Stressresistenz / Widerstandskraft und Belastbarkeit und damit Problemlösungskompetenz.
Wir verlieren uns im Doomscrolling, was uns nicht nährt und unsere Akkus nicht auflädt, ganz abgesehen vom Verlust der Fokussierung.